Kleider machen Leute

Kleider machen Leute!

kleiderAm Samstag, den 5. März, herrschte im Jugendraum der evangelischen Kirche in Wälde großer Andrang, als die insgesamt 34 neuangekommenen Flüchtlinge aus Afghanistan und Gambia unter den vielen gespendeten Kleidungsstücken passende, warme Sachen für sich heraussuchen durften. Bei kalter Witterung und Schneematsch auf den Straßen war mancher Neuangekommene dankbar, seine Flipflops gegen festes Schuhwerk einzutauschen. Warme Jacken, Pullover, Socken und Hosen fanden so einen neuen Besitzer. Fußbälle, Sportschuhe und Fernseher waren ebenfalls hochbegehrte Objekte und schnell vergriffen. Die Helfer hatten alle Hände voll zu tun, bei den Größenangaben zu helfen und Fragen zu übersetzen. Der „Fahrdienst“ des Helferkreises fuhr die Flüchtlinge nach Wälde und zurück in die Unterkünfte, dabei kamen auch viele interessante Gespräche zustande:

Sandy, Sebghatullah, Baktas, Gerry und all die anderen Neuankömmlinge.

Eine Begegnung mit Menschen, von denen seit Monaten überall in den Medien berichtet wird und die jetzt nach einer schier unendlichen Reise voller Gefahren endlich am Ziel angekommen sind.
Ein Wintertag mit Schneematsch, geschlossener Wolkendecke und Temperaturen, die einen nicht gerade auf die Straße locken. Den Helfern, die sich nach und nach am Wohnheim in Ringgenweiler einfinden, fröstelt schon beim Anblick der Flipflops, mit denen ihnen die afghanischen Flüchtlinge entgegentreten. Heute ist Kleiderausgabe in Wälde. Nach kurzen Verständigungsproblemen – die Neuankömmlinge sprechen nur wenig Englisch – sind alle hocherfreut, dass wir sie zur provisorischen Kleiderkammer fahren wollen, die dem Helferkreis zu diesem Zweck von der evangelischen Kirche in Wälde zur Verfügung gestellt wurde. Fünf FahrerInnen bringen die Afghanen von ihrer Unterkunft zur Kleiderkammer und zurück. Die Herzlichkeit dieser Menschen wird deutlich, als sie sich bei den Helfern für den Fahrdienst mit Tee und Gebäck und vielen kleinen Geschichten aus ihrer Heimat bedanken.
Zwischendurch werden auch die gambischen Neubürger aus Wilhelmskirch gebracht. Sie sprechen großenteils recht gut Englisch und alle haben sie abenteuerliche Geschichten zu ihrer Reise nach Europa zu erzählen.
Als ich mich bei Gerry aus Gambia vorstelle, bekommt er leuchtende Augen und fragt mich, ob ich Tom und Jerry kenne und wir lachen beide. Offensichtlich ist auch er ein großer Fan dieser Geschichte, mit der mich früher schon meine Geschwister aufgezogen haben. Aber sein Lachen klingt ausgelassen und freundlich.
Sandy sieht auf dem Tisch eine Landkarte von seinem Land und setzt sich zu uns. Er erzählt, dass er aus der Nähe von Brufut an der Atlantik-Küste in Gambia aufgewachsen ist und seit fast zweieinhalb Jahren unterwegs nach Deutschland ist. Er zeigt uns auf seinem Smartphone Bilder von seiner Familie und den Strand, an dem er immer Fußball gespielt hat. Zwischendrin ein Foto, auf dem er mit einem FC Bayern-Schal posiert und der deutschen Flagge, die auf dem Kopf stehend von zwei Freunden hochgehalten wird. „The german boy“ hätten ihn alle dort genannt. Sein Traum, endlich nach Deutschland zu kommen, jetzt ist er wahr geworden. Jetzt möchte er so schnell wie möglich Deutsch lernen und eine Ausbildung beginnen. Sein (nicht gerade direkter) Weg über den Senegal, Nigeria, Niger, Libyien und Syrien muss unglaublich anstrengend gewesen sein und man kann Dankbarkeit in seinen Augen ablesen, wenn er erzählt, wie freundlich die Aufnahme in der bisherigen Aufnahmestelle bei Karlsruhe und jetzt hier in Horgenzell gewesen sei. Überhaupt hört man von allen Seiten, wie freundlich die Deutschen seien. Das macht mich froh und stolz.
Während der Kleiderausgabe kommen immer wieder auch Horgenzeller Bürger, die Kleidung und Schuhe bringen. Das wird dankbar angenommen und so landet eine Jacke oder eine Hose schon gleich bei ihrem neuen Besitzer.
Sebghatullah und Baktas, beide aus Kundus in Afghanistan, erzählen, wie sie ihre ersten deutschen Worte bei Freunden unter den ISAF-Soldaten gelernt haben: „Hallo, wie geht’s, Bill Gates?“ Vermutlich wollte der deutsche Kamerad in Kundus mit Hilfe des Microsoft-Gründers die Aussprache erleichtern. Baktas, der seine ganze Familie bei einem Bombenangriff verloren hat, entschuldigt sich ständig für sein schlechtes Englisch und bietet Tee an, der so stark ist, dass ich das angebotene heiße Wasser gerne annehme.
Als die letzten Gäste mit vollen Taschen und sauber eingekleidet abfahren, ist etwa die Hälfte der Spendenkleidung verteilt und es wird deutlich, dass noch vieles gebraucht wird. Sommerkleidung, Sportsachen, Jacken und vor allem Schuhe in den Größen 38 – 46 werden dringend benötigt. Auch Fernseher (und Receiver!), ja auch Fuß- und Volleybälle werden gerne angenommen.
Ein herzliches Dankeschön an den Helferkreis und die freundlichen Spender!
Thomas Giesenberg